Kinder Erziehung Probleme: Nehmen wir unseren Kindern die Kindheit weg?

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Michael Winterhoff Erziehung

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Kinder & Erziehung & Probleme: Was unsere Kinder wirklich von. uns brauchen, um glücklich zu werden

Nehmen wir unseren Kindern die Kindheit weg?

Wenn du streng bist, bist du doof! Wenn nicht? Auch…

Unsere Generation befindet sich in einem Wechselbad der Erziehungsmodelle… Wir Eltern sind oft orientierungslos und wissen gar nicht so genau, was eigentlich richtig ist. Weil uns jeder etwas anderes erzählt und weil es mindestens 1000 verschiedene Ansätze und Strömungen gibt. Bedürfnisorientiert? Montessori-Style? Autoritär? Antiautoritär? Schwarze Pädagogik? Weiße Pädagogik? Wir leben in einer Gesellschaft, in der es im Grunde wenig Konsens über gemeinschaftliche Werte gibt.

Das betrifft alle Lebensbereiche, aber natürlich und vor allem auch Bildung und Erziehung.

Aber es gibt Einen, der eine supersimple und verblüffend geniale Idee dazu hat, wie gute Erziehung wirklich aussehen kann. Michael Winterhoff fordert die Rückkehr zur Intuition. Wir nennen es auch gesunden Menschenverstand oder Bauchgefühl. Wie das genau aussehen soll, was Eltern falsch machen und was Kinder wirklich brauchen für eine glückliche Kindheit, erklärt er im Interview.

Kinder Erziehung Probleme: Eltern stehen in diesem undurchsichtigen Dschungel der Möglichkeiten, lesen in tausenden Ratgebern von echten und selbsternannten Experten und wünschen sich manchmal einfach nur eine Machete, um sich durchzuschlagen und am Ende den eigenen Kids einfach nur eine schöne Kindheit zu ermöglichen.

Was wir Eltern wollen? Unseren Kids dabei helfen verantwortungsbewusste und nette Erwachsene zu werden, richtig?

Kinder Erziehung Probleme?

DAS ist der Weg

Michael Winterhoff geht das Thema von einer anderen Seite an. Er sieht den Schlüssel für eine glückliche Kindheit und gute Erziehung nicht in dieser oder jener Erziehungsmethode oder in dieser oder jener pädagogischen Strömung – er sieht es vor allem in den Eltern, Erziehern und Lehrern.

Die schlechte Nachricht: Da gibt es aus seiner Sicht aktuell eine krasse Schieflage.

Die gute Nachricht: Mit den richtigen Stellschrauben, könnten wir das ziemlich schnell ändern.

Er ist Kinder- und Jugendpsychiater und sieht sich selbst als Anwalt der Kinder. Warum braucht es den? Weil wir „die Kindheit abgeschafft haben“ – findet Michael Winterhoff. Er hat unter anderem das Buch geschrieben Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut“ – du kannst es dir HIER schnappen

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Er wirft durchaus mit harten Thesen um sich: Aus unseren Kindern werden später mal „Tyrannen“, Deutschland „verdummt“ und wir berauben die Kinder ihrer Kindheit – Unsere Kinder haben „keine Frustrationstoleranz“, keine „Leistungsbereitschaft und junge Erwachsene  haben eine „Psyche wie ein Kleinkind“, in den Grundschulen hinken „70 bis 80 Prozent der Kinder ihrer Entwicklung weit hinterher.“ – ist das alles nicht ein bisschen arg fett aufgetragen?

Das wollten wir von ihm wissen, haben ihn zum Interview gebeten und neben all seine Thesen und Ideen auch noch einige verblüffend simple, aber immens wichtige AH-Momente verpasst bekommen.

Kinder Erziehung Probleme: Lies dir das ganze Interview durch – vom ersten bis zum letzten Wort. Dann geh in den Wald, mache einen schönen langen Spaziergang in der Natur, fasse dir an die eigene Nase und mache ähnliche erschreckende und gleichzeitig unglaublich wichtige Erkenntnisse wie wir.

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„Wir haben kein ERziehungsproblem, sondern ein BEziehungsproblem.“

Zitat

Interview Michael Winterhoff

Was Kinder wirklich vin ihren Eltern brauchen

Interview mit dem Bestsellerautor und Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff darüber was Kinder wirklich wollen und wie wir zu den Eltern werden, die glückliche Kinder brauchen

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Petra (Kiddyrocks): Ich werfe jetzt einfach kurz mit ein paar Stichworten aus ihre Büchern um mich und bitte Sie, sie uns zu zusammengefasst und so einfach wie es angesichts der Komplexität des Themas geht, zu erklären.

Starten wir mit dem ersten Stichwort: Viele Kids heute „haben eine Entwicklungsstörung“ – was genau meinen Sie damit?

Michael Winterhoff: Die Psychoanalyse hat sich schon im letzten Jahrhundert intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir uns von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter entwickeln. Wir gehen davon aus, dass es verschiedene Entwicklungsphasen gibt.

Bis vor kurzem haben sich Kinder in aller Regel auch immer ihrem tatsächlichen Alter entsprechend entwickelt. Neu ist jetzt – und das meine ich, wenn ich von einer Entwicklungsstörung rede – dass sich das ab 1995 geändert hat.

Um kurz in die Basis einzutauchen: Der Entwicklungsstand eines Kindes ist dafür verantwortlich, wieviel es wahrnimmt. Die Wahrnehmung bestimmt dann wiederum das Verhalten. Was bedeutet das genau?

Ein kleines Kind kann erst einmal nur sich selbst wahrnehmen. Ein normal entwickeltes Kind mit drei Jahren wäre dann so weit, dass es beginnt Aufträge nicht aus Gehorsam, sondern aus einem Erkennen heraus auszuführen: „Das ist die Mama, die hat etwas zu sagen“.

Mit vier Jahren würde das Kind abwägen:  „Das mache ich besser, sonst gibt es Ärger.“

Ab fünf führt man Aufträge einfach aus. Ein Kind mit fünf Jahren würde beispielsweise in einem Restaurant erkennen: „Ich bin in einer fremden Umgebung und da sind Menschen, die ich nicht stören möchte“. Das Kind verhält sich im Restaurant also nicht brav, weil es erzogen ist, sondern weil es diese Dinge wahrnimmt.

Petra (kiddyrocks.de): Das ist quasi die klassische Entwicklung, die alle Kinder – mehr oder weniger zeitgleich – durchmachen?

Michael Winterhoff: Bis 1995 ist es in Deutschland gelungen, dass nahezu alle Kinder eine solche Entwicklung genommen haben. Deshalb waren auch bis 1995 die meisten Kinder durch die Bank mit drei Jahren kindergartenreif. Sie haben erkannt: „Ich bin in einem Kindergarten. Da ist eine Erzieherin und an der kann ich mich orientieren. Sie hat etwas zu sagen“.

Die Kinder waren auch dazu bereit, dort soziale Fähigkeiten zu erwerben. Mit sechs Jahren waren die Kinder dann in aller Regel schulreif. Damals wollten viele Kinder sogar in die Schule gehen und konnten es kaum erwarten. Kinder waren lernwillig und wissbegierig.

Damals konnten Kinder im Unterricht vier Stunden auf dem Stuhl sitzen bleiben. Das war gar kein Problem. Genau wie die Kinder auch erkannt haben, dass sie sich im Unterricht anders verhalten müssen als in der Pause. Für die Lehrerin haben Kinder gerne viele Dinge gemacht. Auch solche, zu denen sie keine Lust hatten, wie Üben oder Hausaufgaben. Mit sechzehn Jahren war man dann ausbildungsreif.

Ausbildungsreife bedeutet, dass man eine ungefähre Vorstellung davon hat, was man werden will. Dass man in einem Betrieb die Strukturen und Abläufe erkennt. Dass man sich acht Stunden lang auf die Arbeit einstellen kann und viele, viele Dinge mehr.

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Petra (kiddyrocks.de): Was ist heute anders?

Michael Winterhoff: Wir haben immer mehr Kinder und Jugendliche, die genau diese Entwicklung nicht durchgemacht haben oder durchmachen. Sie legen viel mehr ein Verhalten von Kleinkindern an den Tag.

Das sehen Sie unter anderem daran, dass wir heute schon über fünfzig Prozent Heranwachsende haben, die nicht im herkömmlichen Sinne arbeitsfähig sind. Das sehen Sie bei Praktikanten und Auszubildenden, denen Soft Skills wie Arbeitshaltung, Sinn für Pünktlichkeit oder das Erkennen von Strukturen und Abläufen fehlen. Sie können nicht priorisieren, welcher Reiz wichtig ist. Das Handy ist beispielsweise wichtiger als der Kunde, der vor ihnen steht.

Dazu gibt es klare Untersuchungen. Eine Konrad-Adenauer-Studie vor zwei Jahren ist zu dem Ergebnis gekommen, dass 50 Prozent der Abiturienten keine Hochschulreife mehr haben. Es fehlen sogar Grundkenntnisse in Deutsch und Mathe und manche können nicht einmal sinnerfassend lesen. Ein Drittel der Hochschulen geben heute Nachhilfe in Deutsch und Mathe, als wenn da das Problem wäre. Wenn Sie einmal sehen, dass ein Drittel der heutigen Studenten mit Abschluss Bachelor und Master die Probezeit in einer Firma nicht übersteht, weil ihnen Soft Skills fehlen und weil sie  an Selbstüberschätzung leiden.

Das ist aber oft kein Selbstbewusstsein, sondern das Auftreten eines kleinen Kindes. Diese Auszubildenden haben kein Gespür für die Situation und kein Gespür für ihr Gegenüber. Das sind ja alles Leistungen, die ein Kind zunehmend erbringen würde, wenn es sich entwickelt.

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BEZIEHUNGSfehler statt ERZIEHUNGSfehler

Petra (kiddyrocks.de): Nächstes Stichwort – Sie sagen, dass Eltern ihren Job nicht mehr richtig machen und immer mehr Eltern in eine „Symbiose statt Elternschaft“ rutschen. Was sind die großen Fehler, die die Eltern von heute begehen? Und kurz zusammengefasst: Was meinen Sie mit „Symbiose“?

Michael Winterhoff: Wenn wir von den Entwicklungen rede, die ich meine, müssen wir nicht von Erziehungsfehlern, sondern von Beziehungsfehlern reden. Das ist ein ganz großer Unterschied. Dieses Problem haben wir seit dem digitalen Zeitalter. Das betrifft aber nicht nur die Eltern. Es ist in Deutschland bei den meisten Erwachsenen zu einer Verschiebung gekommen. Letztlich hat diese Verschiebung in Stufen stattgefunden.

Stufe 1 beginnt Mitte der 90er. Da mussten wir Erwachsenen uns mit der Digitalisierung auseinandersetzen, ob wir wollten oder nicht. Das hat uns sehr viel Zeit gekostet. Wir waren aber auch bereit, viel Zeit zu investieren. Was haben wir dadurch gemacht? Wir haben die Kindheit abgeschafft. Warum? Wenn Sie Kindheit ermöglichen wollen, brauchen Sie viel Zeit und Ruhe. Kinder muss man viel anleiten und begleiten. Vieles muss man einüben und auch Entscheidungen für die Kinder treffen.

Jetzt haben wir sie aber durch den erhöhten Stresslevel und die fehlende Zeit immer mehr zu Partnern gemacht und behandeln sie quasi wie kleine Erwachsene, die sich möglichst offen und frei, auf sich gestellt, entwickeln sollen.

Die Erzieherin im Kindergarten ist nur noch Begleiterin. Auch die Lehrer haben wir abgeschafft, denn sie sind immer öfter nur noch Lernbegleiter. Dadurch kann sich aber die Psyche sich nicht mehr vergleichbar zu früher entwickeln. Warum? Weil man zur Entwicklung ein echtes und klares Gegenüber braucht, an dem man sich orientieren kann.

Kinder brauchen also Erzieher und Lehrer und nicht nur Lernbegleiter.

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Petra (kiddyrocks.de): Und Stufe 2 der Verschiebung?

Michael Winterhoff: Stufe 2 der Verschiebung habe ich dann um die Jahrtausendwende beobachtet. Ich führe sie darauf zurück, dass der Erwachsene jetzt immer mehr ins Internet gegangen ist. Wir Erwachsenen suchen letztendlich auf jede Frage immer eine Antwort.

Im Internet haben wir aber das Problem, dass wir auf jede Frage tausende Antworten bekommen. Durch das Internet wird der Erwachsene also irritiert und in einer gewissen Weise orientierungslos.

Jetzt dient das Kind zur Kompensation und immer mehr sollen die Kinder heute den Erwachsenen sagen, was richtig und falsch ist. Heute bestimmen Kinder immer öfter auf welche Schule sie gehen. Sie bestimmen, welcher Urlaub gemacht wird. Bei einer Trennung der Eltern werden schon Vierjährige vor Gericht gefragt, wo sie leben wollen. Die Erwachsenen sind nicht mehr ausreichend in der Lage, für sich Klarheit zu haben und das Kind soll sie jetzt schaffen.

Petra (kiddyrocks.de): Das ist eine Überforderung der Kinder und der Grund, warum sie anprangern, dass wir „die Kindheit abgeschafft“ haben?

Michael Winterhoff: Genau, das ist eine Überforderung der Kinder. Außerdem ist so eine emotional-soziale Entwicklung nicht möglich, die über die eines Zweijährigen hinausgeht. Kinder unter zweieinhalb Jahren können uns Erwachsene noch nicht als Gegenüber erkennen und unterliegen der Vorstellung, sie stünden über uns.

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Petra (kiddyrocks.de): Kommen wir zu Stufe 3…

Michael Winterhoff: Die dritte Verschiebung ist die, die Sie eben im Stichwort angesprochen hatten: Die Symbiose bei den Eltern. Die Symbiose entwickelt sich, weil wir in einer Gesellschaft leben, die keine Vision mehr hat. Es heißt schon seit vielen Jahren überall, dass alles immer schlimme wird. Wir wissen nicht, wo wir als Deutschland hinwollen, was wir von Europa wollen und wo wir mit Europa noch hinarbeiten wollen.

Wir werden bombardiert mit Nachrichten von schlecht funktionierenden Systemen, wie Krankenkasse oder Rente. Wir Erwachsenen brauchen aber eine Vision. Und eine Vorstellung davon, warum wir leben und wo wir mit unserem Leben hinwollen.

Wir brauchen Visionen, um gute Eltern sein zu können

Petra (kiddyrocks.de): Was macht das mit den Eltern?

Michael Winterhoff: Jetzt passiert Folgendes. Wenn die Vision fehlt, fehlen uns auf einmal grundlegende Emotionen wie Glück, Zufriedenheit oder die Freude auf etwas. Für Eltern, dient dann das Kind schnell als Kompensation.

Dann ist das Glück des Kindes plötzlich „mein Glück“. Dann „fühlt“ man dann für das Kind, „denkt“ für das Kind, „geht“ für das Kind in die Schule. Es kommt zu einer psychischen Verschmelzung. Der Laie stellt sich oft unter Symbiose über-protektives Verhalten vor. Über-protektiv wäre aber, wenn man einem Zehnjährigen noch das Brot schmiert, schneidet und ihn am besten füttert. Nein, das ist keine Überprotektion, sondern diese Kinder sind ein Teil der Eltern geworden.

Petra (kiddyrocks.de): Wie meinen Sie das denn ganz konkret? Was ist denn der Marker, um zu erkennen, ob Eltern in der von ihnen beschriebenen „Symbiose“ sind?

Michael Winterhoff: Wenn man diese Symbiose verbildlichen möchte, ist das Kind wie ein eigener Körperteil für die Eltern. Ich vergleiche das immer mit dem eigenen Arm. Meinen Arm kann ich steuern, bestimmen und verändern, aber einen anderen Menschen nicht.

Eltern, die in der Symbiose sind, neigen dazu ihr Kind steuern, bestimmen und verändern zu wollen. Was gar nicht geht.

Ich sage den Eltern, die zu mir kommen: Wenn Sie jetzt aufstehen und gehen, lasse ich Sie gehen. Ich mache noch nicht einmal einen Kommentar. Wenn Sie aber mein Arm wären, würde ich selbstverständlich darauf insistieren, dass Sie da sitzen bleiben. Das heißt: Ob man in einer Symbiose mit dem eigenen Kind ist, kann man leider nur indirekt erkennen.

Ein Beispiel: Immer, wenn man im Konflikt überlegt: Wie kann ich erreichen, dass mein Kind sich ändert, dass mein Kind jetzt hört, jetzt lernt, jetzt voranmacht oder dass es meinem Kind jetzt gut geht, wäre man in der Symbiose.

Wie wir gute Eltern werden können

So erziehst du dein Kind richtig

Petra (kiddyrocks.de): Ist aber das, was Sie da gerade genannt haben, nicht auch ein Teil der Erziehung? Das ist ja ein superfeiner Grad…Jeder versucht doch, sein Kind anzuleiten, es zu erziehen, Grenzen und Regeln zu setzen oder will, dass es dem Kind gut geht. Ist es dann einfach nur eine Frage des Mindset?

Michael Winterhoff: Das kann man nicht gedanklich verändern. Wir haben zwei Systeme in der Psyche. Ein System ist zuständig für außerhalb von uns und ein System für innen. Diese Systeme sind nicht miteinander verbunden.

Das Außensystem regelt alles Zwischenmenschliche und ist bauchgesteuert. Während das Innensystem nur kopfgesteuert ist. Sobald ich etwas am Körper habe, schlägt es Alarm. Damit in uns sofort die Frage aufkommt, was wir falsch gemacht haben und was wir tun können, damit der Körper wieder in Ordnung kommt.

Bei Eltern, die in eine Symbiose rutschen, sind die Systeme durcheinander geraten. Sie suchen immer nach Gründen für das Verhalten des Kindes und wenn sie sehen, dass es Probleme gibt, suchen sie bestenfalls nach einer Diagnose, Therapie oder Anleitung.

Petra (kiddyrocks.de): Klingt kompliziert und sehr theoretisch. Helfen Sie uns, es besser zu verstehen…

Michael Winterhoff: Man könnte sagen, dass Eltern in der Symbiose nicht mehr im Bauchsystem sind. Sie glauben, sie seien in der Intuition, sind es aber nicht. Wenn ein Kind beispielsweise hinfällt, kann ich auf zehn Meter Entfernung spüren, ob es sich anstellt oder ob es sich wirklich wehgetan hat.

Das können Eltern in der Symbiose nicht. Sie trösten immer oder nie. Das heißt, durch die Symbiose fehlt die Intuition.

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Wie sieht gute Erziehung heute aus:

Eine verblüffende Erkenntnis zum „Eltern sein“

Petra (kiddyrocks.de): Da kann ich jetzt sofort, hier und jetzt einige meiner Fragen direkt streichen und mit Ihnen zum zweiten Themenpunkt weitergehen. Ich hatte mir wunderschöne Fragen überlegt zum Thema Erziehung und Umgang. Aber das ist ja offenbar überhaupt nicht das Thema. Das Thema ist also tatsächlich gar nicht so sehr, dass wir überlegen müssen, welcher Erziehungsstil der Richtige für unser Kind ist – wollen wir antiautoritär oder autoritär sein, bedürfnisorientiert oder Montessori. Sondern eher, dass wir Erwachsene uns ändern müssen, indem wir zu uns zurückfinden, korrekt?

Michael Winterhoff: Wir haben das Glück, in einer Hochkultur großgeworden zu sein, vor 1995. Diese Hochkultur hat es geschafft allen Menschen in diesem Land die gleich-entwickelte Psyche mitzugeben. Das heißt, Ihre Psyche und meine Psyche sind gleich. Auch wenn wir unterschiedliche Menschen sind, können wir gleiche Leistungen erbringen.

Wenn wir jetzt beispielsweise telefonieren, ist es völlig egal, ob ich Hunger oder Durst habe, müde bin, Lust habe oder was ich alles heute erlebt habe und wie es mir persönlich geht. Alle diese Impulse muss meine Psyche gerade zur Seite drängen, um mich auf Sie einstellen zu können. Wir können noch hunderttausende Leistungen mehr erbringen.

Klar haben Sie eine andere Meinung als ich und einen anderen Geschmack. Sie werden auch andere Fähigkeiten haben. Die sind wichtig in Freundschaften oder bei der Berufswahl. Aber diese „Grundpsyche“ haben bis 1995 ALLE mitbekommen, weil die Entwicklung der Psyche ein Hirnreifungsprozess ist.

Die Psyche sitzt im Gehirn und besteht aus Nervenzellen. Die Nervenzellen im Gehirn arbeiten alle gleich. Von daher ist es völlig egal, ob Sie eine Sportart erlernen, eine Sprache oder ein Instrument.

Petra (kiddyrocks.de): Psyche entwickelt sich quasi aus sich selbst heraus durch die Entwicklungsimpulse, die wir bekommen – unabhängig vom Erziehungsstil?

Michael Winterhoff: Dass die Entwicklung der Psyche mit Erziehungsstilen nichts zu tun hat, sehen Sie daran, dass aus meiner Generation auch etwas geworden ist. Das war ja ein sehr autoritärer Erziehungsstil. Ich bin 1955 geboren. Da gab es noch Schläge für viele – Zuhause und in der Schule. Meine Generation ist aber trotzdem sehr erfolgreich geworden.

Diese Generation ist umsichtig, weitsichtig, vorausdenkend, hält viel aus und und und.

Den Erziehungsstil kann man also immer diskutieren, aber er ist mehr das Sahnehäubchen obenauf. Das Entscheidende ist das Gespür für Kinder, dass die Erwachsenen in der Ruhe und Gelassenheit sind, um sich dann angemessen zu verhalten. Das können Sie nicht in ein Buch fassen. Weil Sie sich einem Neugeborenen ganz anders gegenüber verhalten müssen als gegenüber einem Kind mit zehn Monaten, fünfzehn Monaten, mit zwei Jahren, mit drei Jahren.

Petra (kiddyrocks.de): Wollen Sie damit sagen, dass wir unsere Kinder im Idealfall nach „Entwicklungsphasen“ und nicht ihrer Persönlichkeit entsprechend erziehen sollen?

Michael Winterhoff: Nein. Auch das wäre falsch. Das sind spannende Fragen, die Sie da stellen. Gehen wir in den Bereich der Motorik. Wir sind in der Motorik so gut gefördert worden, dass wir alle aufrecht und auch lange Strecken gehen können. Das können wir alle. Dann gibt es aber auch immer wieder Menschen, die in den motorischen Zentren besondere Fähigkeiten haben und deshalb aus der Masse heraustreten und beispielsweise Superfußballer werden. Das ist unbestritten.

Persönlichkeit hat ja unterschiedliche Anteile: Wie weit wir uns entwickelt haben, welche motorischen Fähigkeiten wir haben, wie wir mit anderen Menschen agieren. Dann gehören natürlich auch vererbte Anteile dazu, wie Intelligenz oder mit welcher Kraft ich auf die Welt gekommen bin. Dazu zählen aber auch Erfahrungen, die ich in der Kindheit gemacht habe. Je stärker ich gefordert bin, desto stärker ist meine Persönlichkeit.

Wenn wir jetzt über diese Themen miteinander sprechen, geht es mir aber nicht um die individuelle Persönlichkeit. Sondern um die Frage, wie weit die Psyche  der Kinder emotional-sozial entwickelt ist.

Petra (kiddyrocks.de): Um dann die Persönlichkeit zu werden, die ich im Idealfall sein kann?

Michael Winterhoff: Ja, aber wir haben einen hohen Anspruch an das Thema Persönlichkeit. Wir sind ein Land, das eine Demokratie leben kann. Wir sind ein Sozialstaat und der Stärkere ist für den Schwächeren da. Das ist nur möglich, wenn man sich sehr, sehr weit entwickelt hat in einer Gesellschaft. Aber wenn sich Kinder heute nicht mehr vergleichbar entwickeln, dann drehen sie sich später als Erwachsene auf Dauer nur um sich selbst. Sind egomanischer und rücksichtsloser.

Viele Leistungen unserer Psyche sind nämlich eingeübte Verhaltensweisen. Zum Beispiel die Frustrationstoleranz. Die Fähigkeit auszuhalten und abzuwarten entsteht nur dann, wenn man ein Kind – dem Alter angemessen – auch einmal warten und aushalten lässt. Aber das geht nur, wenn ich das spüre.

Ein Säugling kann beispielsweise gar nicht warten, dem muss ich mich unmittelbar zuwenden. Aber wenn man jetzt in der inneren Ruhe und dem Gespür ist, würden Eltern bei einem 8 oder 9-Monate alten Baby merken, dass es auch mal warten kann, wenn es quengelt. Da können wir aber nicht nach Schablonen vorgehen – jedes Kind ist unterschiedlich schnell in der Entwicklung. Wenn mir aber dieses Bauchgefühl fehlt, kann ich nicht richtig reagieren.

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Petra (kiddyrocks.de): Wir brauchen also einfach mehr Bauchgefühl. Mega! Schaffen wir. Gehen wir jetzt aber mal davon aus, dass das Kind in den Brunnen gefallen ist und eine Entwicklungsstörung hat. Sie sagen, Sie können die betroffenen Kinder nachreifen lassen, in Zusammenarbeit mit den Eltern. Was sind da die Stepps?

Michael Winterhoff: Der erste Schritt ist die Behebung der Ursache. Die Ursache liegt in einer Verschiebung der Position. Wenn Eltern in der Symbiose sind, dann fühlen und behandeln sie das Kind wie ihren eigenen Körperteil.

Nehmen wir das Beispiel „Arm“: Wenn mich jemand anspricht, entscheide ich, ob, wann und wie ich mich zuwende. Hingegen, wenn ich mich stoße, sage ich reflexartig „Aua.“

Eltern, die in eine Symbiose rutschen, reagieren bezogen auf ihr Kind reflexartig.

„Mama.“ – „Ja.“ „Mama.“ – „Ja.“ „Mama.“ – „Ja.“

So verhält sich dieser Vater oder diese Mutter aus der Sicht des Kindes wie ein Gegenstand, den man immer steuern kann. Damit stellt sich die Welt des Kindes auch später so dar, wie es eigentlich nur ganz kleine Kinder und Babys erleben – nämlich dass sie nur aus Gegenständen besteht. Das wäre der Entwicklungsstand aus dem das Kind nicht herauskommt, weil die Eltern immer reflexartig wie ein Gegenstand reagieren und keine Entwicklung stattfinden kann. Das Kind steuert die Eltern immer weiter.

Eigentlich sollte die Entwicklung mit zehn bis sechzehn Monaten dahingehend sein, dass die Kinder erkennen: „Es gibt einen Unterschied, ob ich mit Gegenständen umgehe, die ich steuere, oder ob ich mit Erwachsenen umgehe“. Das ist die Grundlage dafür, dass das Kind in der weiteren Entwicklung auch differenzieren kann, dass verschiedene Menschen gibt.

Aber bei Kindern in meiner Praxis zeigt sich das eher so: Sobald sich das Kind bewegt oder etwas sagt, sind die Eltern aus dem Kontakt mit mir heraus und quasi im Kind.

Das wäre so, als ob mein Arm Schmerzen entwickeln würde und je stärker die wären, umso weniger könnte ich mich auf Sie einstellen.

Es geht also als Erstes darum, dass ich den Eltern überhaupt bewusst mache, dass sie im Symbiosesystem sind und dann geht es darum, sie zu beraten, wie sie da herauskommen.

Petra (kiddyrocks.de): Im Grunde verändern sich die Eltern mit Ihnen und die Kinder dann automatisch?

Michael Winterhoff: Wenn sie aus der Symbiose heraus sind, haben sie eine Intuition für das Kind. Diese Intuition bezieht sich dann auf das Alter des Kindes und die Kinder können sich mit ihren Eltern als Gegenüber immer weiter entwickeln. Psyche entwickelt sich nur durch Erleben, nicht durch Verstehen, Einsicht oder Therapie.

Die Kinder haben vorher erlebt, dass die Eltern reflexartig reagiert haben. Jetzt bekommen die Eltern ein Bild von mir, wie sich Psyche bildet und dann ein Bild, wie sie sich täglich verhalten müssen, damit sich das Kind an ihnen entwickelt und auf den Stand seines Alters kommt. Dazu bekommen die Eltern unterschiedliche Anleitungen und praktische Vorgehensweisen von mir.

WIR SIND ANA, PETRA, KATJA UND TOM. WIR LIEBEN TEXTE, WIR LIEBEN UNSERE KIDS UND WIR MÖGEN SCHÖNE DINGE. AUSSERDEM SIND WIR SPIELESÜCHTIG UND WISSENSJUNKIES. DAS ALLES LANDET IN UNSEREN ARTIKELN UND EXPERTENINTERVIEWS. TOM MACHT DIE. TECHNIK, WIR MOMS DIE TEXTE.

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