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Digitale Medien Kinder: Bestseller Autor Winterhoff sagt, dass  Smartphones und Co die Kindheit zerstören

Digitale Medien Kinder

Warum Smartphones und Co die Kindheit zerstören

Handys, Smartphones, Tablets, Laptops – unsere Welt ist ohne die ganzen digitalen Devices nicht mehr vorstellbar. Das ist krass, weil immer mehr Studien zu dem Ergebnis kommen, dass der digitale Overload schädlich sein kann.

„Übermäßiger Medienkonsum gefährdet die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.“

Das war ein Ergebnis der BLIKK-Medienstudie 2017. Die Studie hat die gesundheitlichen Risiken von übermäßigem Medienkonsum bei Kids im Namen Bundesregierung untersucht. Kennen wir nicht alle diese Bilder von Zwei- oder Dreijährigen, die schon gekonnt irgendwelche Filme auf Mamas Tablet starten und Fotos mit ihren kleinen Kinderhänden wischen, als ob es kein Morgen gäbe?

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Hands up, wenn dir das auch ein unangenehmes Gefühl im Bauch verschafft. Schreib uns gerne in die Kommentare, wie du mit deinem Kiddy und den technischen Devices umgehst.

  • Aber was bedeutet „übermäßiger Medienkonsum“?
  • Wieviel ist zu viel?
  • Wann ist es zu früh damit zu starten?
  • Was genau machen die digitalen Geräte mit uns und unseren Kids?
  • Wie schädlich sind Smartphones und Co wirklich?
  • Was kannst du tun, um deinem Kind eine glückliche und entspannte Kindheit zu schenken – trotz Digitalisierung?

Einer, der ausgezogen ist, um genau das zu klären, ist der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff. Er ist mehrfacher Bestseller-Autor, Fachmann und arbeitet seit Jahrzehnten mit Kindern und Jugendlichen.

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Er warnt seit Jahren vor der Digitalisierung in den Kinderzimmern, Schulen und Kitas und hat erschreckende Zukunftsprognosen für unsere Kids, wenn wir an unserem aktuellen Umgang nichts ändern.

In seinem Buch „Die Wiederentdeckung der Kindheit“ kannst du dir all seine Thesen und Facts noch genauer durchlesen – du kannst es dir HIER* schnappen.

Im Interview erklärt er dir, was die Teile genau mit den Kids und ihrer Entwicklung anstellen, wie viel Screentime in welchem Alter noch verträglich ist und was wir Eltern tun können, damit unsere Kids zu glücklichen und verantwortungsbewussten Erwachsenen werden.

Interview mit Michael Winterhoff

Warum wir für unsere Kinder wieder alles ändern müssen

Interview mit dem Kinder- und Jugendpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff über eine glückliche Kindheit, die fatalen Folgen unseres aktuellen Umgangs mit den digitalen Geräten.

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Wenn du noch mehr Wissen und „Futter“ haben willst, kannst du dir auch dieses Interview HIER mit Michael Winterhoff durchlesen. Darin haben wir mit dem Bestsellerautor und Fachmann für Kinder- und Jugendliche über seine krassen Thesen gesprochen, geklärt was schief läuft aus seiner Sicht und wie wir das ändern müssten. Du bekommst im Interview ein paar verblüffend simple, aber extrem gute Denkanstöße für dich und dein Elternsein. Denn soviel vorab: Laut Winterhoff liegt ein ganz großer Schlüssel zu einer glücklichen, unbeschwerten Kindheit und einem gut entwickelten Kind aus dem ein verantwortungsbewusster und selbstständiger Erwachsener wird, nicht in der richtigen Erziehungsmethode sondern in deinem richtigen Verhalten.

Starten wir jetzt mit dem Gespräch über die Digitalisierung und wie sie konkret die Kindheit unserer Kinder beeinflusst, was richtig und was falsch ist und was du tun kannst, damit dein Kiddy eine glückliche und schöne Kindheit hat.

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„Wir brauchen viel mehr Ruhe und Gelassenheit in unserer Gesellschaft und dann macht es wirklich Spaß Kinder zu haben.“

Zitat

Petra (kiddyrocks.de): Ich muss gestehen, dass ich – obwohl ich zwei Ihrer Bücher gelesen habe – einen Knoten in meinem Kopf habe und nicht 100%ig verstanden habe, wo genau das Problem besteht. Ihre Hauptthese ist ja, dass wir seit der flächendeckenden Digitalisierung die Kindheit unserer Kinder zerstören. Die Kinder haben Entwicklungsstörungen, weil wir Eltern und die Gesellschaft in die falsche Richtung gehen. Kurz zusammengefasst. Aber was genau würden Sie gerne verändern und wo liegt die Grenze zwischen „ich erziehe noch“ und ich bin „schon in einer unguten Beziehungsstörung mit dem Kind“?

Michael Winterhoff: Wenn wir mal in der Zeit zurückgehen – vor 1995. Damals haben die Eltern aus dem Bauch heraus ziemlich viel richtig gemacht. Wir haben uns weniger Gedanken gemacht und es gab gleichzeitig gesellschaftlichen Konsens über bestimmte Dinge. Zum Beispiel Fernsehen erst ab fünf Jahren zu erlauben und keine Zeichentrickfilme, wegen der schnellen bunten Bilder. 

Man hatte zwei oder drei Kinderspielfilme auf der Rolle. Mit sieben Jahren gab es dann eine Kinderstunde im Wohnzimmer mit ausgesuchten Filmen. Wenn damals in der Stadt ein Zwölfjähriger eine Zigarette gezogen hätte, hätte jeder Erwachsene gesagt: Steck das Ding weg! Wenn man damals gesagt hätte, dass es einen Kindergarten mit Toberaum, Bastelraum und Café gibt, indem die Kinder frei entscheiden dürfen, was sie machen und Erzieher Kinder alleine schalten und walten lassen für die freie Entfaltung, hätten den alle für irre erklärt!

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Petra (kiddyrocks.de): Gut, aber man könnte ja auch anmerken, dass Wissen sich weiterentwickelt und es deswegen sinnvoll ist bestehende Thesen immer wieder zu hinterfragen. Sie sagen aber, dass genau in dieser Entwicklung der „Hase im Pfeffer liegt“. Gehen wir der Sache mal auf den Grund: Was hat denn die Digitalisierung mit den Erwachsenen gemacht?

Michael Winterhoff: Bis zum Beginn der Digitalisierung, waren wir „andere Erwachsene“. Wenn Sie in die Stadt gegangen sind, haben Sie überwiegend entspannte Menschen angetroffen. Sie ruhten in sich, waren klar und abgegrenzt. Sie hatten ein Gespür für sich, ein Gespür für andere und damit ein Gespür für Kinder.

Wären wir in dieser Situation verblieben, wäre gar nichts passiert. Im Grunde machen Erwachsene aktuell nur einen Fehler: Das Problem der Digitalisierung ist, dass eine sehr schnelle Technik dahinter steckt, die uns viele Informationen gibt und sehr viele Entscheidungen abverlangt. Mehr als ein Gehirn leisten kann.

Das ist wissenschaftlich bewiesen. Wenn der Erwachsene sich das nicht bewusst macht, rutscht er in die Technik rein und kommt er in den Zustand der Reizüberflutung. Das ist in etwa so, als würden wir an einem Adventssamstag in der übervollen Stadt Weihnachtsgeschenke einkaufen. Ich gebe Ihnen fünf bis zehn Minuten, bis Sie nicht mehr Sie selbst sind, sondern nur noch durch Reize bestimmt werden. Fachlich gesehen „regredieren“ Sie.

Wenn Sie nach Hause kommen und auf dem Sofa regenerieren, sind Sie nach fünf bis zehn Minuten wieder Kapitän über Ihre Psyche. Wenn das aber als Dauerfeuer läuft, hat der Erwachsene irgendwann nicht mehr den Zugang zu sich und seiner Psyche, sondern er reagiert nur noch. Normalerweise würden wir agieren. Erst überlege ich, dann handle ich. Zumindest, wenn es um Probleme geht. Aber wenn Sie sich dieses Land einmal anschauen: Es gibt gar keine Konzepte mehr. Große Ausnahme war die Corona-Zeit, okay.

Petra (kiddyrocks.de): Da gab es seeeeehr viele Konzepte.

Michael Winterhoff: Aber es gibt keine Konzepte für all die gesellschaftlichen Themen, die uns seit Jahren bewegen. Es gibt keine Konzerte für Migranten, es gibt keine Konzepte für Logistik oder Bildung. Keine Konzepte für die Rente oder Krankenkassensysteme. Brücken und Straßen gehen kaputt. In der Bildung bauen wir nur noch ab. Warum? Weil der Erwachsene in einer Art Wahnzustand ist. Durch diesen Zustand der Reizüberflutung und dass wir nur noch bombardiert werden mit Krisen- und Katastrophennachrichten aus aller Welt, fehlt den Menschen jetzt der Zugang zu sich

Petra (kiddyrocks.de): Wie genau können wir uns diesen Zugang wiederverschaffen?

Michael Winterhoff: Früher haben wir den technischen und gesellschaftlichen Fortschritt genutzt, um immer mehr Zeit für uns zu haben. Meine Eltern haben noch selbstverständlich samstags gearbeitet. Dann ging es in die 38-Stunden-Woche. Durch Erfindungen wie Geschirrspüler, Waschmaschine und was es noch alles gibt, haben wir uns Arbeitserleichterung beschafft und Zeit gewonnen. Damals wusste der Mensch noch, dass nach der Arbeit Schluss ist.

Man hatte viel Zeit, ist in den Wald gegangen, hat viele Dinge unternommen.

Unsere Psyche braucht einfach eine Chance zu regenerieren. Die Regeneration über Schlaf reicht aber nicht, sondern wir müssen etwas tun, bei dem wir mit uns selbst alleine sind und schweigen. Das haben wir vor 1995 automatisch gehabt. Heute müsste man das bewusst machen.

Ich gehe beispielsweise alle zwei Wochen zwei Stunden in den Wald. Ich bin dann nicht erreichbar. Ich gehe meistens denselben Weg. Ich muss also auf nichts achten und schweige.

Wenn wir alle bewusst öfter Sachen unternehmen würden, bei denen wir uns erden und in dieselbe Ruhe und Gelassenheit von früher kommen, hätten wir auch wieder ein Gespür für andere und damit ein Gespür für die Kinder. Dann würde man bauchgesteuert mit dem Kind umgehen, nicht kopfgesteuert. Das würde das Problem lösen.

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Was die Digitalisierung mit Eltern und Kindern macht

Petra (kiddyrocks.de): Wir Eltern müssen uns also entkoppeln von der digitalen Welt, wieder zu uns zurückfinden und uns mehr Pausen gönnen zwischendurch. Das Smartphone auch mal beiseitelegen… Reden wir über die Digitalisierung und was sie  genau mit uns und unseren Kindern macht.

Michael Winterhoff: Nicht einmal…sondern oft beiseitelegen. Wenn Sie zum Beispiel am Tisch sitzen und an das Handy gehen, sind Sie für das Kind nur noch körperlich anwesend,. Denn Sie sind energetisch im Handy versunken. Das ist ganz tragisch.

1990 hat man eine Familie Mittags nicht angerufen. Da war Mittagspause. Man hat eine Familie mit kleinen Kindern auch nicht nach 18 Uhr angerufen. Man wusste, die bringen jetzt die Kinder ins Bett. Sie brauchen Ruhe und Zeit für ihre Kinder. Man hatte am Tisch nicht den Fernseher oder das Radio laufen oder sonst irgendetwas. Man war jetzt mit den Kindern zusammen. Wenn das Telefon klingelte, hat man es klingeln lassen.

Früher war nicht alles besser – das will ich gar nicht sagen. Aber es war entschleunigter. Wir müssten wieder bewusster vorgehen, uns klare Auszeiten nehmen – gerade von den modernen Medien. Wenn man mit dem Kind zusammen ist, sollte man auch wirklich für das Kind anwesend sein. Deswegen wäre es sehr sinnvoll, wenn Eltern sich entscheiden würden – zum Beispiel – einen Tag pro Woche (als Probierhäppchen) ihre Medien gar nicht zu nutzen. Weder die Kinder noch die Eltern.

Petra (kiddyrocks.de): Finde ich einen grandiosen Vorschlag.

Michael Winterhoff: Dann werden Sie sehen, wie sich vieles sehr positiv verschiebt. Auf einmal kommt wieder Kommunikation auf. Auf einmal hat man wieder Spaß an der Beziehung und am Gegenüber.

Wenn man das erlebt hat, wird man freiwillig noch einen zweiten Tag einbauen. Wenn man wieder zur Ruhe kommt, wird man vieles freiwillig immer mehr reduzieren oder gar nicht mehr bedienen wollen. Weil die ganzen sozialen Medien und Devices einfach Zeitfresser sind. Es gibt nichts Schöneres, als Kinder zu haben und es gibt auch nichts Schöneres, als Zeit für die Kinder zu haben und sie in Ruhe zu erleben.

Michael Winterhoff Erziehung

Petra (kiddyrocks.de): Da können wir gar nicht widersprechen und wollen es auch nicht. Ruhe ist ein wichtiger Faktor und ich sehe absolut, dass sie in unserer Gesellschaft im Alltag abhanden gekommen ist.

Michael Winterhoff: Wenn ich bei mir bin und eine Intuition habe, habe ich auch ein Gespür dafür, was ab welchem Alter für Kinder Sinn macht. Bei kleinen Kindern macht es aus meiner Sicht zum Beispiel überhaupt keinen Sinn, dass sie diese Geräte nutzen. Diese Geräte haben eine hohe Animationskraft und schicken die Kinder quasi in eine Parallelwelt.

Ich finde es tragisch, wenn Sie zum Beispiel in den Kölner Zoo ins Aquarium gehen und dann sehen sie kleine Kinder, die an den Scheiben wischen, weil sie die Fische bedienen wollen. Es ist tragisch, in welche Irritation ich das Kind damit bringe. Das ist doch Irrsinn!

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Warum Smartphones und Co echte Entwicklungshemmer sind

Petra (kiddyrocks.de): Die Smartphones und Devices in Kinderhänden sind also Entwicklungshemmer, würden Sie sagen?

Michael Winterhoff: Absolut! Die Psyche ist so angelegt, dass der Mensch erst einmal alles ertastet und ergründet und die Welt haptisch erfasst. Psychoanalytisch betrachtet kommt das Kind auf die Welt und spürt erst einmal nur, dass es eine Welt außerhalb gibt. Das Ganze ist dabei aber sehr diffus. Das Kind würde – wenn es sich entwickelt – in diese Welt immer mehr Ordnung hineinbringen. Es würde erkennen können, dass es Wände gibt oder gewohnte Umgebungen und fremde Umgebungen. Es würde auch erkennen, dass es Menschen im Gegensatz zu Gegenständen gibt. Dann würde es sich ab zweieinhalb Jahren, wenn es sich gut entwickelt, immer mehr an den Reaktionen der Eltern orientieren: „Hast du gut gemacht“ oder „Das will ich nicht haben“. So bekommt es immer mehr Sicherheit darin, wie es in dieser Welt zurechtkommen kann.

Darauf hat die ganze Elektronik einen sehr ungünstigen Einfluss. Zumindest in den ersten Jahren und in einem zu großen Ausmaß. Das betrifft auch den Fernseher. Es geht nicht darum, zu sagen, dass Kinder gar nicht damit umgehen sollen. Ich bin auch Keiner, der das Fernsehen oder Elektronik komplett verbieten möchte. Aber ich wäre umso zurückhaltender, je kleiner die Kinder sind. Wenn sie beispielsweise Fernsehschauen, ist es wichtig, dass die Kinder mit den Geräten nicht alleine sind und wir sie dabei begleiten. Diese Geräte sollten nicht dazu dienen, die Kinder ruhig zu stellen, sondern – wenn – ein gemeinsames Erlebnis sein. Ich wäre also sehr zurückhaltend, aber ich würde es nicht verdammen.

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Petra (kiddyrocks.de): Wir haben im Vorfeld des Interviews in unserem Freundeskreis herumgefragt. Bei rund fünfzehn Familien haben wir nur exakt eine Familie gefunden, die ihren Kindern öfter mal das Smartphone oder das Laptop in die Hand drückt. Alle anderen dürfen zum Großteil noch gar nicht fernsehen oder nur kurz und wenig bis gar nicht mit den Devices umgehen. Sind wir so special?

Michael Winterhoff: Dann sind Sie in einer besonderen Population.

Petra (kiddyrocks.de): Ist das wirklich so? Oder haben Sie einfach einen pessimistischen Blick auf das Ganze, weil schließlich nur die Problemfälle in Ihre Praxis kommen? Denn ihre Thesen und Buchtitel sind ja immer sehr provokant formuliert. Die kleinen „Tyrannen“ oder „Deutschland verdummt“.

Michael Winterhoff: Ich habe tatsächlich nie „die kleinen Tyrannen“ gesagt. Das hat die BILD-Zeitung daraus gemacht.

Petra (kiddyrocks.de): (lacht) Dann sind wir der BILD-Zeitung aufgesessen.

Michael Winterhoff: Ich habe gesagt, dass die Kinder später als Erwachsene zu Tyrannen werden, wenn sie sich im Kindesalter nicht richtig entwickeln. Kinder sind natürlich keine Tyrannen. Ich würde Kinder nie diffamieren. Das ist von der Presse aus meinem Buchtitel gemacht worden.

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Médiennutzung von Kindern

Wieviel Screen Time in welchem Alter okay ist

Petra (kiddyrocks.de): Dann hat sich diese Schlagzeile der BILD-Zeitung bis heute hartnäckig gehalten. Gehen wir mal weiter im Thema. Wie viel Screen Time ist denn dann für ein Kind mit drei, vier oder fünf Jahren vertretbar?

Michael Winterhoff: Das ist im Grunde genau gleich, wie früher der Umgang mit dem Fernseher. Wenn wir bewusst damit umgehen, die Kinder begleiten und nicht zu früh damit anfangen, kann es in Maßen auch in Ordnung sein.

Petra (kiddyrocks.de): Nur, Sie sagen ja, dass Kitas und Grundschulen im Grunde digitalfreie Zonen sein müssten. Dass Kinder unter 14 am besten kein Smartphone haben sollten. Da bin ich total d’accord. Aber – was machen wir denn, wenn das Kind bei einem Kumpel das Gadget in die Hand bekommt und von uns vorher keine Anleitung bekommen hat, wie man eigentlich damit umgeht?

Michael Winterhoff: Da sind Sie dann schon in der Überforderung des Kindes. Nehmen Sie doch das Beispiel „Zähneputzen“. Wenn Sie Ihr Kind beim Zähneputzen nicht begleiten, putzt es doch keine Zähne. Sie können dem Kind jetzt von der Kariesmaus erzählen oder was es sonst noch alles gibt, aber das ändert doch nichts an der grundlegenden Tatsache.

Das Kind ist ein Kind und es wird nur unter meiner Anleitung und Begleitung die Zähne richtig putzen. Deshalb würde das Kind natürlich auch nur unter meiner Anleitung und Begleitung diese Geräte richtig nutzen. Das macht also keinen Sinn sie aufzuklären.

Petra (kiddyrocks.de): Weil es dann mit dem Kumpel trotzdem macht, was es will?

Michael Winterhoff: Genau. Früher waren das die Zeichentrickfilme, die sie zuhause nicht sehen durften. Heute sind es die Apps und Filme auf dem Smartphone, die sie nicht nutzen sollen. Egal, wie sehr Sie dem Kind vorher unter Anleitung erklären, dass es das nicht machen soll. Es wird es in Ihrer Abwesenheit trotzdem machen. Früher hat man dann den Kontakt zu dem Kumpel reduziert, wenn das Kind irgendwie verdreht nach Hause gekommen ist und das Ganze Überhand genommen hat. Das hat es immer so gegeben, aber es ist heute natürlich mehr geworden. Das Traurige ist ja heute auch, dass die Älteren dann die Jüngsten in den weiterführenden Schulen schon in Pornos und so weiter einweisen.

Petra (kiddyrocks.de): Das ist aber doch genau der Punkt…

Michael Winterhoff: Aber das können sie ja nicht ändern, indem Sie das Kind aufklären, dass Pornos nicht gut sind oder dass das mit Realität nichts zu tun hat. Das verstehen die Kinder noch gar nicht. Sondern sie werden es sowieso eher abartig und furchtbar finden.

Ich habe letztens ein Kind gesehen, das verstört reagiert hat und die Mutter hat dann irgendwann herausgefunden, dass genau das passiert ist. Aber sie können nicht alles verhindern und sie können auch nicht vorsorgen. Früher war es der Pornoladen in der Stadt. Sie konnten auch damals nicht verhindern, dass ein Kind ins Schaufenster guckt. Deswegen zu sagen, weil das jetzt an jeder Ecke ist müssen wir die Kinder aufklären, überfordert die Kinder völlig.

Die Kinder können sich das unter 14 noch gar nicht vorstellen. Wenn doch Ältere ihrem Kind blöde Sachen auf dem Smartphone zeigen, wird das ihr Kind vielleicht irritieren, aber nicht aus der Bahn werfen. Das alles sind also keine Gründe den Kindern die Geräte zu früh in die Hände zu drücken.

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Petra (kiddyrocks.de): Wenn sie aber Recht haben mit ihren Thesen, dann machen zu viele Eltern genau das – was ist ihre Zukunftsprognose für die Kiddys, die jetzt zu früh zu viel Kontakt mit der Digitalisierung haben?

Michael Winterhoff: Derzeit gehen noch 50 Prozent der Kinder gut ins Leben. Ich sage Ihnen aber voraus, dass sich das sehr minimieren wird. Wenn ich Systeme schaffe ohne Orientierung am Gegenüber, wenn ich den Lehrer zum Lernbegleiter mache, wenn ich die Kinder im Kindergarten nicht anleite und die Kinder machen können, was sie wollen dann regiert immer mehr das Lustprinzip: Lustorientiert und nur mich selbst sehend. Was ja der Psyche eines ganz kleinen Kindes entspricht.

Dann werden auch genau diese veränderten Systeme den Gesamtprozess verstärken, dass immer mehr Kinder sich nicht richtig entwickeln können. Deshalb habe ich auch mein Bildungsbuch „Warum Deutschland verdummt“ geschrieben.

Diese Veränderungen kommen ja gar nicht von Erziehern oder von Lehrern. Sie kommen von der Politik und die ist weit entfernt davon zu wissen, was Kinder eigentlich brauchen. Die Politik müsste irgendwann einmal endlich kapieren, dass es viel besser wäre bei der Entwicklung von Bildungsmodellen Lehrer und Erzieher zu fragen.

Die meisten Lehrer wollen keine Tablets und Laptops in den Klassen für den normalen Unterricht. Wenn Sie dann aber mit zwölf Jahren beispielsweise Informatikunterricht machen und viele Dinge mehr, können Sie auch pädagogisch aufzeigen, worauf man achten muss. Das geht nun einmal entwicklungsmäßig nicht früher.

Aber es ist leider mittlerweile sehr schwer, sein Kind in einer heutigen Grundschule so großwerden zu lassen, dass die Kinder sich gut entwickeln und wirklich Ende der vierten Klasse gut lesen, schreiben und rechnen können. Da gibt es Ausnahmen, keine Frage. Aber das liegt dann immer am individuellen Lehrer in der Schule.

Digitalisierung und Kiddys - was ist die Lösung

Petra (kiddyrocks.de): Was ist dann ihrer Meinung nach die Lösung?

Michael Winterhoff: Ich zeige ja nur die Bedenklichkeiten auf. Ich schreibe kein Buch darüber, wie man es machen muss. Ich bin Kinderpsychiater. Ich bin befasst mit Kindern, die Probleme haben. Nur, weil das zum Massenphänomen geworden ist, bin ich nach außen getreten.

Ich schreibe auch keine Erziehungsbücher, sondern ich schreibe über ein gesellschaftliches Phänomen, das immer mehr zunimmt. Trotzdem haben wir zum Glück nach wie vor Familien und Kinder, die sich bestens entwickeln. Aber wenn wir ein Land geworden sind, in dem über 50 Prozent nach ihrem Schulabschluss scheitern, wird es höchste Eisenbahn, dass wir anhalten und schauen, was wir alles falsch machen.

Petra (kiddyrocks.de): Würden Sie trotzdem kurz mit uns ein wenig fantasieren und den aus Ihrer Sicht idealen Tag im Zeitalter der Digitalisierung – zum Beispiel eines Dreijährigen mit den idealen Eltern und dem idealen Kindergarten beschreiben?

Michael Winterhoff: Nein, das geht nicht. Aus folgendem Grund: Wenn ich mit jemandem spreche, der Kinder als Kinder sieht, sind wir ganz schnell d’accord. Dem muss ich auch keinen idealen Tag eines Dreijährigen vorstellen, weil es gar keinen idealen Tag eines Dreijährigen gibt. Es kann immer sein, dass der Dreijährige heute mit dem falschen Bein aufsteht und mein Tag völlig anders verläuft, als ich mir vorgestellt habe.

Petra (kiddyrocks.de): Okay, einverstanden. Aber was sollen und können wir Eltern denn nun machen, damit unsere Kids sich optimal entwickeln?

Michael Winterhoff: Wenn ich Kinder als Kinder wahrnehme, wenn ich in mir ruhe, wenn ich gelassen bin, mache ich alles richtig. Wenn ich aber jemanden vor mir habe, der Kinder als Partner sieht, werden wir uns nicht über ein Ideal verständigen können.

Ein Beispiel: Ein Lehrer, der Kinder als Kinder sieht, würde, wenn dem Kind das im Unterricht dazwischen quatscht, ohne Probleme sagen, dass es vorlaut ist. Vorlaut ist ja keine Diffamierung. Sondern das ist ein Kind und das braucht mich, um irgendwann eingeübt abwarten zu können, bis es dran ist.

Das heißt, dass ein Lehrer, der Kinder als Kinder sieht, ein wohlwollendes Korrektiv für das Kind ist. Heute haben wir aber viele Menschen, die Kinder als Partner sehen. Sie gehen dann nicht in die lehrende Position, sondern sie sagen, dass das Kind „über-engagiert“ ist oder „ADHS“ hat, sie gehen zum Ergotherapeuten oder geben dem Kind Ritalin.

Wenn ich Kinder als Kinder sehe, ist vieles automatisch klar. Nehmen Sie doch das Beispiel Tennis. Wenn ich Tennis lerne, kann der Trainer 30 Jahre jünger sein als ich, aber auf dem Platz bin ich sein Schüler. Das bezweifelt niemand. Der Tennislehrer sieht mich und coacht mich liebevoll – immer wieder. Er freut sich mit mir, wenn ich den Ball in der ersten Stunde über das Netz schlage und er hat eine klare Vorstellung davon, wie man Tennis beibringt. Wenn ich einen falschen Bewegungsablauf habe, hat er eine Idee, mit welcher Übung ich das korrigierten kann. Genau das brauchen Kinder.

Aber wenn ich beim Tennis das Verhältnis so verschiebe, dass ich der Partner bin, dann würde mich der Tennislehrer am Anfang fragen, was ich heute machen möchte. Wenn überhaupt anleitend, würde er mit mir reden und immer wieder in Gesprächen auf mich einwirken, dass meine Vorhand auch wirklich da ist, wo sie sein sollte. Wenn ich komme und sage: „ach, heute habe ich gar keine Lust Tennis zu spielen“, würde der Tennislehrer – weil er ja von mir gemocht werden will – sagen, dass das in Ordnung ist und wir heute einfach nicht Tennis spielen. In der Symbiose würde der Trainer quasi immer nur schauen, dass es mir gut geht. Das kann doch nicht funktionieren.

Michael Winterhoff Erziehung

Petra (kiddyrocks.de): Sie meinen, wenn Eltern immer nur nachgeben?

Michael Winterhoff: Oder er wäre ganz beherrschend und würde wollen, dass ich perfekt und sehr schnell Tennis lerne. Das sind die Beziehungsverschiebungen, auf die ich aufmerksam mache. Ich schreibe keine Erziehungsbücher und habe nie eines gelesen. Ich habe auch nie eins gebraucht. All die Eltern, die zu mir kommen, brauchen auch keine Erziehungsbücher.

Nur die Eltern in der Symbiose belesen sich dauernd – quasi wie bei Rückenschmerzen. Wenn die Schmerzen nicht weggehen, dann fange ich auch an zu recherchieren. Dieser ganze Hang zu Ratgebern kommt nur aus dem Bereich der Pädagogik, weil wir eben nicht mehr das Gespür für Kinder haben.

Ein Plädoyer: Was müssen wir JETZT verändern, damit die Kids MORGEN wieder eine glückliche Kindheit haben können

Petra (kiddyrocks.de): Sie verstehen sich ja auch ein bisschen als Anwalt der Kinder. Was wäre denn Ihr Plädoyer (lacht) als Anwalt…Was müsste sich bei Eltern und Schulen in unserer Gesellschaft jetzt verändern, damit die Kinder die aus ihrer Sicht aktuell abgeschaffte Kindheit wieder zurückbekommen?

Michael Winterhoff: Erst einmal würde ich jedem Erwachsenen wünschen, dass er wieder einen Zugang zu sich selbst findet und dass er die Lebensqualität hat, die wir bis 1995 automatisch hatten. Heute ist es so, dass viele Erwachsene im Hamsterrad sind und sie rattern auf den Tod zu. Da kann ich nur jedem empfehlen, sich wieder zu erden und etwas für sich zu tun, um wieder mit sich in Kontakt zu kommen. Das würde sich enorm gut auf die Beziehung zum Kind auswirken.

Es würde auch wieder dazu führen, dass man Spaß hat an Kindern. Egal, ob ich mit Kindern arbeite oder ob ich eigene Kinder habe oder ob ich Großeltern bin. Wenn ich in mir ruhe, habe ich wieder Spaß, die Kinder zu sehen und etwas mit ihnen zu machen und zu erleben.

Im Bildungswesen sezieren wir die Kinder und sie sollen nur noch lernen. Wir müssen aber viel mehr ganzheitlich denken. Die Kinder sollen in der Schule nicht nur lernen, sie sollen ihre Lehrer als Lehrer erleben und dadurch auch die Möglichkeit haben, viele Soft Skills wie soziale Fähigkeiten oder Arbeitshaltung zu erwerben.

Wenn man das wieder sehen würde, hätten die Kinder eine Chance glücklich und zufrieden zu werden. Denn viele Kinder, die ich sehe, sind nicht wirklich glücklich. Sie agieren ja wie Kleinkinder nur aus dem Moment. Wenn Sie denen jetzt ein Eis geben, dann strahlen sie.

Dann wollen sie aber auch schon die zweite und die dritte Kugel haben, sonst sind sie nölig.

Wenn wir aber mehr Ruhe und Gelassenheit in uns haben und den Kindern die richtigen Anstöße geben für ihre Entwicklung, hätten wir wieder wirklich glückliche Kinder.

Das hört sich sehr einfach an, ist aber seit 35 Jahren das Schwierigste, was ich hier mit Eltern mache. Ich schicke sie dann erst einmal für vier bis fünf Stunden in den Wald. Dann müssen sie alleine sein, das Handy soll abgeschaltet sein. Sie sollen nicht joggen, nicht Fahrrad fahren und sich auf nichts konzentrieren. Sondern einfach vor sich hingehen.

Man ist im Wald abgeschirmt, die Bäume ziehen an einem vorüber. Das erdet. Mit mehr Routine braucht man auch nicht mehr diese Länge.

Und wenn man in dieser Ruhe ist, würde man auch sehen, dass Dinge, die vor den Kindern wichtig waren, gar nicht mehr so wichtig sind. Für die Kinder ist man da und genießt das Wochenende mit den Kindern. Dann bin ich aber auch nicht im Beruf und bin auch nicht in irgendwelchen Hobbys.

Bei kleinen Kindern wäre es wichtig, dass man morgens aufsteht, dem Kind mit Ruhe begegnet und auch eingeplant hat, dass einmal etwas schiefläuft und man mehr Zeit braucht. Wir müssen vermeiden, dass wir morgens schon in diesem Zeitdruck sind. Das ist das Schlimmste für Kinder.

Stellen Sie sich bitte den Tennistrainer vor. Wenn er da steht und unter Druck ist und dauernd Druck macht, werden Sie auch kein guter Tennisspieler. Wir brauchen viel mehr Ruhe und Gelassenheit in unserer Gesellschaft und dann macht es wirklich Spaß Kinder zu haben.

WIR SIND ANA, PETRA, KATJA UND TOM. WIR LIEBEN TEXTE, WIR LIEBEN UNSERE KIDS UND WIR MÖGEN SCHÖNE DINGE. AUSSERDEM SIND WIR SPIELESÜCHTIG UND WISSENSJUNKIES. DAS ALLES LANDET IN UNSEREN ARTIKELN UND EXPERTENINTERVIEWS. TOM MACHT DIE. TECHNIK, WIR MOMS DIE TEXTE.

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